@joépa
Die Themen HIV, AIDS und Tod empfindet die vornehme und angepasste Gesellschaft als unangenehm und spricht nicht gerne darüber. Wendet man sich in Angelegenheiten HIV oder AIDS an einen Politiker, dann kommt man in der Regel selten einen Termin und wird meistens mit faulen Ausreden wie nachfolgend, abgewimmelt: Der Herr Abgeordnete sei krank und außerdem nächste Woche auf Dienstreise und hernach auf Urlaub, leider. Rufen sie später nochmals an, hört man selten, denn man könnte ja die Unverfrorenheit besitzen und wirklich nochmals anrufen. Ich habe das schon mehrmals schriftlich und mündlich ausgetestet, da ich es genieße, miese Typen zu provozieren.
Auch viele Künstler machen um die Themen HIV und AIDS einen großen Bogen, da sie mit solchen Themen bei den Reichen und Mächtigen nicht reüssieren können. Kein Politiker kann mit einem HIV-positiven Menschen oder gar mit einem AIDS-Kranken eine Wahl gewinnen. Weiter kann man ihnen in der Regel kein Geld abnehmen, da sie meistens arm sind oder gar am Existenzminimum leben. Außerdem will sich kaum ein Künstler dem Verdacht aussetzten, selbst infiziert zu sein oder mit solchen Personen in Kontakt zu stehen. Was in der bildenden Kunst wie Malerei, Bildhauerei, Design finanziell punktet, das sind Porträts mächtiger Männer und Frauen, nackte Weiber, schöne Landschaften und berühmte Gebäude, sinnlose oder doofe Formen etc. Eventuell ziehen noch Blumen und Tiere. Hernach ist Funkstille, dann beginnen die Tabuzonen. Tabuzonen wie HIV, AIDS, Tod kann ein Künstler für sich privat ausloten, wenn er will, aber die Kasse füllen diese Themen nicht. Ja, vielleicht wenn Prominente wie Freddie Mercury oder Rudolf Nurejew im Mittelpunkt stehen. Die vielen Aids-Kranken, die weder reich noch prominent sind, die interessieren niemand und auch kaum einen Künstler. Den Beweis sehen wir täglich tausend Mal.
Dass nunmehr ein Künstler die Themen Tod, Liebe, HIV und AIDS zum Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit macht, ist erfreulich und ehrt dich. Ich denke, entscheiden für den Wert eines Werks ist die leichte Erkennbarkeit der beabsichtigten Botschaft. In diesem Punkt muss sich ein Künstler etwas überlegt haben und treffsicher sein. Alles andere geht ins Leere. Die Fragen: Was ist meine zentrale Botschaft, wie kann ich diese dem Betrachter am besten vermitteln, darf ein Künstler nicht unbeantwortet lassen. Die Interpretation eines Werks dem Betrachter zu überlassen, ist riskant. Natürlich kann es sein, dass ein oberflächlicher Betrachter die beabsichtigte Botschaft nicht versteht oder verdrängt. Das mindert aber nicht den Wert einer Arbeit. Welche Botschaften wären im Zusammenhang mit HIV wichtig? Nun da fallen mir einige ein:
- Keine Verdrängung von HIV-Infizierten am Arbeitsplatz
- Gleichberechtigung von infizierten und nicht infizierten Personen bei der Vermittlung von Arbeit (derzeit werden in Ö infizierte Personen nicht oder nur in untergeordnete Pflegjobs vermittelt).
- Keine Benachteiligung infizierter Personen bei ärztlichen Behandlungen
- Keine Vorenthaltung lebensnotwendiger Medikamente (bei Migranten und in vielen Staaten vielfach der Fall).
- Förderung der Toleranz gegenüber HIV-Infizierten Personen
- Viele Botschaften wären noch zu nennen
Art, Technik und Material des verwendeten Ausdrucksmittels sind meines Erachtens nicht so wichtig. Die Botschaft ist wichtig. Ein Künstler wird jenes Mittel wählen, das er für seine Botschaft für am geeignetsten hält. Ob die Verwendung von Blut zwingend notwendig ist und die Ausdruckskraft wesentlich steigert, kann ich so schnell nicht beurteilen. Das müsste ich mir länger überlegen. Ob ein Nichtinfizierter die Dramatik von HIV/AIDS überhaupt hinreichen darstellen kann, ist für mich fraglich. Ein guter Künstler, der das Thema in sich reifen lässt, sich im Kreis Infizierter aufhält, mag das vielleicht irgendwann schaffen. Sicher bin ich mir nicht. Mir kommt oft vor, dass zwischen Infizierten und Nichtinfizierten eine unsichtbare und unüberwindliche Mauer steht. Diese Mauer kann nur der Tod einreißen.
Dein erster Entwurf gefällt mir gut. Er ist einfach und ausdrucksvoll. Mehr ist, so glaube ich , nicht notwendig.

Als sehr abstoßend fand ich seinerzeit das Benetton-Bild mit dem Gesicht eines
sterbenden Aidskranken. Damals wusste ich von meiner Infektion noch nichts. Die Botschaft dieses Bildes verstand ich aber sehr wohl. Ich habe sie aber verdrängt, da ich jung und leichtsinnig war. Gegen die Kraft überschießender Hormone ist halt kein Kraut gewachsen. Heute als Infizierter, der mehrere Freunde durch HIV/AIDS verloren hat und dem das Aids-Schicksal, dank des medizinischen Fortschritts, erspart blieb, denke ich ganz anders über dieses Benetton-Bild. Heute finde ich dieses Bild sehr treffend und berührend. Die traurigen und eingefallenen Augen des dargestellten Kranken habe ich noch heute vor mir.
Auch ein zweites Benetton-Bild, das einen Hintern zeigt, auf dem die
Buchstaben H.I.V tätowiert sind, spricht Bände. Eine Tätowierung und ähnliche Maßnahmen wurden von Politikern einst überlegt. Klarerweise sind beide Bilder für die Augen der Normalbürger schwer verdaulich, aber die Kunst darf die Provokation nicht fürchten. Anderenfalls ist sie nicht Kunst, sondern verdorbener Brei. Ich denke Kunst kann nicht jedem gefallen. Das ist das Schicksal aller edlen Dinge, Wesen und Zustände.

Dein letzter Entwurf gefällt mir persönlich recht gut. Insider werden verstehen was du meinst.
Falls du dein Werk auch in Wien zeigst, würde mich das als Wiener sehr freuen. Hoffentlich wird das etwas. Was ich schrieb, habe ich aus meiner Sicht und Erfahrung geschrieben. Es muss nicht richtig sein, aber ich sehe die Dinge eben so.
Machs gut, du Künstler.
VlG FranzRudolf